Die Politik der Angst

(Erwei­terte Fas­sung des Tage­blatt Arti­kels vom 2. April 2020*)

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‚ÄěDer Schre¬≠cken des Natur¬≠zus¬≠tandes treibt die ang¬≠sterf√ľll¬≠ten Indi¬≠vi¬≠duen zusam¬≠men ; ihre Ang¬≠st stei¬≠gert sich aufs √§u√üerste, ein Licht¬≠funke der ratio blitzt auf ‚Äď und pl√∂tz¬≠lich steht vor uns der neue Gott. [‚Ķ] Der Levia¬≠than wurde daher zu nichts ande¬≠rem als zu einer gro√üen Maschine, zu einem rie¬≠sen¬≠haf¬≠ten Mecha¬≠nis¬≠mus im Dienste der Siche¬≠rung des dies¬≠sei¬≠ti¬≠gen phy¬≠si¬≠schen Daseins der von ihm beherr¬≠sch¬≠ten und bes¬≠ch√ľtz¬≠ten Men¬≠schen.‚Äú (Carl Schmitt. Der Levia¬≠than in der Staats¬≠lehre des Tho¬≠mas Hobbes. 1938)

F√ľr die fr√ľ¬≠hen Den¬≠ker der moder¬≠nen Ver¬≠trag¬≠stheo¬≠rie sollte die poli¬≠tische Gesell¬≠schafts¬≠form der Demo¬≠kra¬≠tie als Garan¬≠tie pers√∂n¬≠li¬≠cher Siche¬≠rheit aus dem frei¬≠willi¬≠gen Zusam¬≠men¬≠schluss von vor¬≠ran¬≠gig selbs¬≠tin¬≠te¬≠res¬≠sier¬≠ten Indi¬≠vi¬≠duen fun¬≠gie¬≠ren. Die teil¬≠weise Auf¬≠gabe dieses Selbs¬≠tin¬≠te¬≠resses wurde inso¬≠fern als ratio¬≠na¬≠ler Kom¬≠pro¬≠miss des Selbs¬≠tin¬≠te¬≠resses selbst begrif¬≠fen. In der glei¬≠chen Logik war es denk¬≠bar, dass der Staat, der gro√üe Mecha¬≠nis¬≠mus im Dienst des Schutzes des Selbs¬≠tin¬≠te¬≠resses, in Aus¬≠nah¬≠me¬≠zust√§n¬≠den die¬≠sen Kom¬≠pro¬≠miss in Rich¬≠tung pro pro¬≠tec¬≠tione oboen¬≠dien¬≠tia zuneh¬≠mend belas¬≠ten. F√ľr die Verord¬≠nung¬≠streue muss der Levia¬≠than dann auch selbst zur Quelle der Ang¬≠st im Dienst der Siche¬≠rheit werden.

Poli¬≠tisch ist die Aus¬≠nah¬≠me¬≠si¬≠tua¬≠tion ‚Äědie Stunde der Exe¬≠ku¬≠tive‚Äú, psy¬≠cho¬≠lo¬≠gisch wird sie zur B√ľhne der cha¬≠ris¬≠ma¬≠ti¬≠schen F√ľh¬≠rer. Cha¬≠ris¬≠ma¬≠tisch ist der¬≠je¬≠nige, nach Max Webers bekann¬≠ter For¬≠mu¬≠lie¬≠rung, der ‚Äěals mit nicht jedem ande¬≠ren zug√§n¬≠gli¬≠chen Kr√§f¬≠ten oder Eigen¬≠schaf¬≠ten oder als gott¬≠ge¬≠sandt oder als vor¬≠bild¬≠lich und deshalb als F√ľh¬≠rer gewer¬≠tet wird‚Äú (M. Weber, Wirt¬≠schaft und Gesell¬≠schaft). Damit wird die Aus¬≠nah¬≠me¬≠si¬≠tua¬≠tion auch bevor¬≠zugt zur Stunde der Dema¬≠go¬≠gen, die es verm√∂¬≠gen die indi¬≠vi¬≠duel¬≠len √Ąng¬≠ste an einem gemein¬≠sa¬≠men Bild vom Frem¬≠den, vom Feind oder von geteil¬≠ter Gefahr festzumachen.

In einem kur¬≠zen Blog¬≠bei¬≠trag weist der ita¬≠lie¬≠nische Phi¬≠lo¬≠soph Ric¬≠car¬≠do Man¬≠zot¬≠ti zurecht darauf hin, dass Exper¬≠ten in der heu¬≠ti¬≠gen Krise weni¬≠ger nach den √úber¬≠tra¬≠gung¬≠sme¬≠cha¬≠nis¬≠men von Viren gefragt wer¬≠den als nach Verhal¬≠ten¬≠san¬≠lei¬≠tun¬≠gen. Der Wis¬≠sens¬≠trans¬≠fer mit dem Wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler zu einem verant¬≠wor¬≠tungs¬≠vol¬≠len und auf¬≠gekl√§r¬≠ten Umgang mit der bedroh¬≠li¬≠chen Situa¬≠tion bei¬≠tra¬≠gen k√∂nn¬≠ten, weicht gemein¬≠hin dem Bed√ľrf¬≠nis von Regeln und Richt¬≠li¬≠nien, von Ver¬≠bo¬≠ten und Stra¬≠fen. Dieses Bed√ľrf¬≠nis ents¬≠pricht umge¬≠kehrt der poli¬≠ti¬≠schen und media¬≠len Mobi¬≠li¬≠sie¬≠rung von Ang¬≠st, Scham und Schuld. Der Eifer mit dem sich die ver¬≠schie¬≠dens¬≠ten Wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler, bevor¬≠zugt auch in Luxem¬≠burg, in √∂ffent¬≠li¬≠chen Medien mit solch pers√∂n¬≠li¬≠chem Sou¬≠ver√§¬≠nit√§tss¬≠tre¬≠ben her¬≠vor¬≠tun zeigt von einem tie¬≠fen, wenn auch nicht bewuss¬≠ten Verst√§nd¬≠nis von real¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠scher Praxis.

Wal¬≠ter Lipp¬≠mann, neben Edward Ber¬≠nays einer der √ľber¬≠zeu¬≠gend¬≠sten zeit¬≠gen√∂s¬≠si¬≠schen Nach¬≠fol¬≠ger Machia¬≠vel¬≠lis, bes¬≠chrieb seine Erfah¬≠run¬≠gen mit der Infor¬≠ma¬≠tions¬≠ma¬≠ni¬≠pu¬≠la¬≠tion und der auf¬≠kom¬≠men¬≠den Bewe¬≠gung Beni¬≠to Mus¬≠so¬≠li¬≠nis fol¬≠gen¬≠der¬≠weise : Der demo¬≠kra¬≠tische Staatsb√ľr¬≠ger emp¬≠fin¬≠det sich als ‚Äěein tau¬≠ber Zuschauer in der hin¬≠te¬≠ren Reihe‚Äú, der zwar gerne die Mys¬≠te¬≠rien der Poli¬≠tik verst√ľnde, aber es dann doch nicht fer¬≠tig¬≠bringt, dabei nicht ein¬≠zu¬≠schla¬≠fen. (W. Lipp¬≠mann, Die ima¬≠gin√§re √Ėffent¬≠li¬≠ch¬≠keit)

Rous¬≠seaus R√§t¬≠sel des ‚ÄěGemein¬≠willens‚Äú oder Hegels Ph√§¬≠no¬≠men des objek¬≠ti¬≠ven Geistes l√§sst sich, so Lipp¬≠mann, jen¬≠seits poli¬≠ti¬≠scher Meta¬≠phy¬≠sik leicht erkl√§¬≠ren. Demo¬≠kra¬≠tien set¬≠zen sich aus zwei Arten von Per¬≠so¬≠nen zusam¬≠men : den zuschauen¬≠den B√ľr¬≠ger und den agie¬≠ren¬≠den Diri¬≠gen¬≠ten. Die ers¬≠te¬≠ren haben zwi¬≠schen den Wahl¬≠ter¬≠mi¬≠nen nur ein vages, desin¬≠te¬≠res¬≠siertes Verst√§nd¬≠nis der Hand¬≠lun¬≠gen der poli¬≠ti¬≠schen Ent¬≠schei¬≠der. Und die letz¬≠te¬≠ren wis¬≠sen, dass erst, wenn das ‚Äěvage und ver¬≠wir¬≠rende Dur¬≠chei¬≠nan¬≠der‚Äú der ange¬≠bli¬≠chen all¬≠ge¬≠mei¬≠nen Mei¬≠nung ‚Äěkana¬≠li¬≠siert, kom¬≠pri¬≠miert und verein¬≠heit¬≠licht‚Äú wor¬≠den ist, das Volk in die rich¬≠tige Rich¬≠tung gelenkt wer¬≠den kann.

Wie Ber¬≠nays geh√∂rte Lipp¬≠mann vor¬≠ran¬≠gig zu den kogni¬≠ti¬≠ven Volks¬≠len¬≠kern. Es ging ihm darum zu vers¬≠te¬≠hen, wie in Demo¬≠kra¬≠tien Mei¬≠nun¬≠gen und Verhal¬≠ten dank eines ges¬≠chick¬≠ten Umgangs mit Infor¬≠ma¬≠tio¬≠nen in Eink¬≠lang mit den Absich¬≠ten und Vorha¬≠ben der poli¬≠ti¬≠schen und wirt¬≠schaft¬≠li¬≠chen F√ľh¬≠rer ‚Äď heute w√ľrde man wohl bevor¬≠zugt auf das Mana¬≠ger- und Unter¬≠neh¬≠me¬≠re¬≠thos hin¬≠wei¬≠sen ‚Äď gebracht wer¬≠den kann. Wie ihre Vor¬≠den¬≠ker aus der Renais¬≠sance, igno¬≠rier¬≠ten Lipp¬≠man und Ber¬≠nays aber auch nie die Macht der poli¬≠ti¬≠schen Gef√ľhle. Da poli¬≠tisches Verst√§nd¬≠nis und Selbst¬≠den¬≠ken sowie¬≠so zu kom¬≠plex und zu schwie¬≠rig sind, ver¬≠mag es der gute Volksf√ľh¬≠rer auch auf gef√ľhls¬≠ge¬≠la¬≠dene Sym¬≠bole zur√ľ¬≠ck¬≠zu¬≠grei¬≠fen. Denn Gef√ľhle sind nicht so spe¬≠zi¬≠fisch wie Gedan¬≠ken. Sie verm√∂¬≠gen oft bes¬≠ser als Ideen und Ideo¬≠lo¬≠gien das Dur¬≠chei¬≠nan¬≠der zu ord¬≠nen und dann in die gew√ľn¬≠schte Rich¬≠tung zu lenken.

Nun k√∂nn¬≠ten Kri¬≠ti¬≠ker solche Rat¬≠schl√§ge als Legi¬≠ti¬≠mie¬≠rung inter¬≠es¬≠sier¬≠ter Volks¬≠len¬≠kung sehen. Die Kri¬≠tik der Mei¬≠nung¬≠sma¬≠ni¬≠pu¬≠la¬≠tion ver¬≠liert jedoch jeden real¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠schen Boden, wenn man gewahr wird, dass die √Ėffent¬≠li¬≠ch¬≠keit sich selbst nach F√ľh¬≠rung sehnt. Selbst¬≠verst√§nd¬≠lich war diese M√∂gli¬≠ch¬≠keit auch den idea¬≠lis¬≠ti¬≠schen Aufkl√§¬≠rern, den Gegnern der Real¬≠po¬≠li¬≠tik, nicht ent¬≠gan¬≠gen : ‚ÄěFaul¬≠heit, Fei¬≠gheit und Bequem¬≠li¬≠ch¬≠keit‚Äú, so das mora¬≠li¬≠sie¬≠rende Urteil Kants, ‚Äěsind die Ursa¬≠chen, warum ein so gro√üer Teil der Men¬≠schen, nach¬≠dem sie die Natur l√§ng¬≠st von frem¬≠der Lei¬≠tung frei¬≠ges¬≠pro¬≠chen [‚Ķ] den¬≠noch gerne zeit¬≠le¬≠bens unm√ľn¬≠dig bleiben‚Äú.

W√§h¬≠rend Faul¬≠heit und Fei¬≠gheit sich jedoch f√ľr poli¬≠tische Apa¬≠thie dur¬≠chaus eignen, schei¬≠nen sie f√ľr die aktive Volks¬≠len¬≠kung weni¬≠ger inter¬≠es¬≠sant als Gef√ľhle wie Ang¬≠st und Hass. Diese Erkennt¬≠nis schien grund¬≠le¬≠gend f√ľr Tho¬≠mas Hobbes Theo¬≠rie der moder¬≠nen Monar¬≠chie. Im Gegen¬≠satz zur deut¬≠schen Ver¬≠nunfts¬≠mo¬≠ral sah der englische Aufkl√§¬≠rer die B√ľr¬≠ger eines Staates nicht durch die Teil¬≠habe an einer all¬≠ge¬≠mei¬≠nen Ver¬≠nunft geeint, son¬≠dern durch die Ang¬≠st vor dem Tod. Erst aus der Tode¬≠sang¬≠st, aus der unbes¬≠timm¬≠ten Ang¬≠st vor den ande¬≠ren Men¬≠schen und vor der uner¬≠kann¬≠ten und unvers¬≠tan¬≠de¬≠nen Natur heraus verei¬≠nen sich die Scha¬≠ren und Mas¬≠sen der Indi¬≠vi¬≠duen unter der Allein¬≠herr¬≠schaft eines Sou¬≠ver√§ns. Das ‚ÄěGewalt¬≠mo¬≠no¬≠pol‚Äú des Staates das sich in der Form des Sou¬≠ver√§ns dars¬≠tellt, ist somit auch immer zugleich ein Angstmonopol. 

Eine der poli¬≠ti¬≠schen Grund¬≠funk¬≠tio¬≠nen des Sou¬≠ver√§ns (des Staates) bes¬≠teht dem¬≠nach darin, den unbes¬≠timm¬≠ten √Ąng¬≠sten einen zusam¬≠menh√§n¬≠gen¬≠den Inhalt zu geben. Der Monarch, die¬≠ser ‚Äěster¬≠bliche Gott‚Äú, √ľber¬≠nimmt den tra¬≠di¬≠tio¬≠nell poli¬≠ti¬≠schen Auf¬≠trag des Gottes der Reli¬≠gion, d. h. die Funk¬≠tion der ima¬≠gin√§¬≠ren Objekt¬≠fin¬≠dung und fol¬≠glich der Verein¬≠heit¬≠li¬≠chung der Ang¬≠st. Das Gemein¬≠gut wird erst m√∂glich durch die Gemei¬≠nang¬≠st, die der Sou¬≠ver√§n nicht nur verk√∂r¬≠pert, son¬≠dern auch aktiv gestaltet. 

Gemein¬≠same poli¬≠tische Ziele k√∂n¬≠nen dann am bes¬≠ten erreicht wer¬≠den, wenn es der Sou¬≠ver√§n ver¬≠mag, die Ang¬≠st sei¬≠ner Sub¬≠jekte zu kon¬≠trol¬≠lie¬≠ren und zu steuern. Hier deu¬≠tet die ‚Äěreal¬≠po¬≠li¬≠tisch ent¬≠zau¬≠berte‚Äú Poli¬≠tik schon auf die Stel¬≠lung hin, die Wis¬≠sen¬≠schaft, For¬≠schung und Tech¬≠nik im moder¬≠nen Staat ein¬≠neh¬≠men wer¬≠den : ‚ÄěDie Inge¬≠nieure der rich¬≠ti¬≠gen Ord¬≠nung k√∂n¬≠nen von den Kate¬≠go¬≠rien sit¬≠tli¬≠chen Umgangs abse¬≠hen und sich auf die Kons¬≠truk¬≠tion der Umst√§nde bes¬≠chr√§n¬≠ken, unter denen die Men¬≠schen wie Natu¬≠rob¬≠jekte zu einem kal¬≠ku¬≠lier¬≠ba¬≠ren Verhal¬≠ten gen√∂¬≠tigt sind.‚Äú (J. Haber¬≠mas : Theo¬≠rie und Praxis)

Nach dem 2. Welt¬≠krieg inter¬≠es¬≠sierte sich der Poli¬≠to¬≠loge und Jurist Franz Neu¬≠mann aus der Pers¬≠pek¬≠tive einer kri¬≠ti¬≠schen poli¬≠ti¬≠schen Psy¬≠cho¬≠lo¬≠gie f√ľr den Zusam¬≠men¬≠hang von Ang¬≠st und Poli¬≠tik. Ang¬≠st, so Neu¬≠mann, behin¬≠dert die Ent¬≠schei¬≠dung¬≠sfrei¬≠heit : nur ein ang¬≠st¬≠freier Mensch kann sich frei ent¬≠schei¬≠den. Damit erscheint Ang¬≠st von vor¬≠ne¬≠he¬≠rein als anti¬≠the¬≠tisch zur libe¬≠ra¬≠len Demokratie. 

Nun muss man jedoch nach Neu¬≠mann, hier ganz auf der Freud‚Äôschen Linie, zwei gro√üe Arten der Ang¬≠st unter¬≠schei¬≠den : Die Rea¬≠lang¬≠st, die im Zusam¬≠men¬≠hang mit √§u√üe¬≠ren Gefah¬≠ren steht, und die neu¬≠ro¬≠tische Ang¬≠st, die aus Schuld¬≠gef√ľh¬≠len, Selbst¬≠bes¬≠tra¬≠fung¬≠sbed√ľrf¬≠nis¬≠sen, inne¬≠ren Ver¬≠bo¬≠ten und Ans¬≠pr√ľ¬≠chen heraus ents¬≠teht. Wenn sich dann beide For¬≠men der Ang¬≠st ver¬≠mi¬≠schen, wenn die Rea¬≠lang¬≠st sich mit der neu¬≠ro¬≠ti¬≠schen Ang¬≠st ver¬≠bin¬≠det, wird die Rea¬≠lang¬≠st nicht nur um ein Ent¬≠schei¬≠dendes verst√§rkt, son¬≠dern aus der Mischung ents¬≠te¬≠hen zwei neue For¬≠men der Ang¬≠st : depres¬≠sive Ang¬≠st und Verfolgungsangst. 

Poli¬≠tisch inter¬≠es¬≠sant wird Ang¬≠st im Zusam¬≠men¬≠hang damit, was Neu¬≠mann die c√§sa¬≠ris¬≠tische Iden¬≠ti¬≠fi¬≠zie¬≠rung mit den F√ľh¬≠rern nennt. C√§sa¬≠ris¬≠tische Iden¬≠ti¬≠fi¬≠zie¬≠rung funk¬≠tio¬≠niert als Abwehr gegen die Ver¬≠fol¬≠gung¬≠sang¬≠st dank einer affek¬≠ti¬≠ven Anleh¬≠nung an F√ľh¬≠rer¬≠per¬≠so¬≠nen. Solche Iden¬≠ti¬≠fi¬≠zie¬≠rung ents¬≠teht pri¬≠vi¬≠le¬≠giert in Gefah¬≠ren¬≠si¬≠tua¬≠tio¬≠nen, und ganz beson¬≠ders dann, wenn ges¬≠chickte mediale und poli¬≠tische Infor¬≠ma¬≠tions¬≠tech¬≠nik es verm√∂¬≠gen die Rea¬≠lang¬≠st mit neu¬≠ro¬≠ti¬≠scher Ang¬≠st anzu¬≠rei¬≠chern und so gezielt, wenn auch nicht immer absicht¬≠lich gewollt, in Ver¬≠fol¬≠gung¬≠sang¬≠st umzuwandeln. 

Neu¬≠ro¬≠tische und para¬≠noide √Ąng¬≠ste f√ľh¬≠ren, so Neu¬≠mann, beim Betrof¬≠fe¬≠nen zum Ich¬≠ver¬≠lust, d. h. zur Ein¬≠schr√§n¬≠kung des ratio¬≠na¬≠len Den¬≠kens und der freien Ent¬≠schei¬≠dung¬≠sm√∂¬≠gli¬≠ch¬≠keit. Die Anleh¬≠nung an den cha¬≠ris¬≠ma¬≠ti¬≠schen F√ľh¬≠rer, der v√§ter¬≠liche Staats¬≠mann oder die f√ľr¬≠sor¬≠gliche Staats¬≠frau, das Zusam¬≠men¬≠geh√∂¬≠rig¬≠keits¬≠gef√ľhl in der Gruppe der Gleich¬≠ge¬≠sinn¬≠ten ‚Äď ‚Äěvereint gegen den Feind‚Äú ‚Äď verm√∂¬≠gen es diese ‚ÄěIchein¬≠schrump¬≠fung‚Äú durch regres¬≠sive Entm√ľn¬≠di¬≠gung zu kompensieren. 

Solche regres¬≠sive Mas¬≠sen¬≠be¬≠we¬≠gun¬≠gen erwei¬≠sen sich in der Regel eher kurz¬≠le¬≠big, wenn die Ang¬≠st und die Iden¬≠ti¬≠fi¬≠zie¬≠rung mit dem F√ľh¬≠rer nicht aufrech¬≠te¬≠rhal¬≠ten wer¬≠den k√∂n¬≠nen. Neu¬≠mann kennt jedoch aus sei¬≠ner lang¬≠j√§h¬≠ri¬≠gen Faschis¬≠mus¬≠for¬≠schung drei Metho¬≠den der Ins¬≠ti¬≠tu¬≠tio¬≠na¬≠li¬≠sie¬≠rung, welche die Nach¬≠hal¬≠tig¬≠keit der regres¬≠si¬≠ven Mas¬≠sen¬≠be¬≠we¬≠gung garan¬≠tie¬≠ren : ‚Äěder Ter¬≠ror, die Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da und, f√ľr die Anh√§n¬≠ger des F√ľh¬≠rers, das gemein¬≠sam began¬≠gene Ver¬≠bre¬≠chen.‚Äú 1954 zog Neu¬≠mann daraus den Schluss, dass die Welt nicht weni¬≠ger, son¬≠dern mehr anf√§l¬≠lig f√ľr die Aus¬≠bil¬≠dung regres¬≠si¬≠ver Mas¬≠sen¬≠be¬≠we¬≠gun¬≠gen gewor¬≠den ist. Diese Hypo¬≠these k√∂nnte man in der jet¬≠zi¬≠gen Situa¬≠tion auf jeden Fall als bew√§hrt ansehen. 

In der Poli¬≠ti¬≠schen Theo¬≠lo¬≠gie (1922) schrieb Carl Schmitt, einer der wich¬≠tig¬≠sten deut¬≠schen Staats¬≠recht¬≠ler, der mit sei¬≠nem Begriff des Aus¬≠nah¬≠me¬≠zus¬≠tands dem Ver¬≠fas¬≠sung¬≠srecht eine neue, his¬≠to¬≠rische Wen¬≠dung gab und damit das Staats¬≠recht des Natio¬≠nal¬≠so¬≠zia¬≠lis¬≠mus vor¬≠be¬≠rei¬≠tete : ‚ÄěDie Aus¬≠nahme ist inter¬≠es¬≠san¬≠ter als der Nor¬≠mal¬≠fall. Das Nor¬≠male beweist nichts, die Aus¬≠nahme beweist alles ; sie best√§¬≠tigt nicht nur die Regel, die Regel lebt √ľbe¬≠rhaupt nur von der Aus¬≠nahme.‚Äú Diese Umkeh¬≠rung des Nor¬≠ma¬≠len und der Aus¬≠nahme bes¬≠timmt im Aus¬≠nah¬≠me¬≠zus¬≠tand das Den¬≠ken der Poli¬≠tik und lei¬≠der all¬≠zu oft auch der media¬≠len Berichterstattung.

So beflei√üi¬≠gen sich Medien und Poli¬≠ti¬≠ker in eige¬≠nar¬≠ti¬≠ger pr√§s¬≠ta¬≠bi¬≠lier¬≠ter Har¬≠mo¬≠nie, auch noch die j√ľng¬≠ste Patien¬≠tin, den st√§rks¬≠ten Leis¬≠tungs¬≠sport¬≠ler und den ges√ľn¬≠des¬≠ten Nor¬≠malb√ľr¬≠ger in der ent¬≠le¬≠gens¬≠ten Ecke des Pla¬≠ne¬≠ten auf¬≠zu¬≠fin¬≠den, die am grauen¬≠haf¬≠tes¬≠ten vira¬≠len Ers¬≠ti¬≠ckung¬≠stod ges¬≠tor¬≠ben sind. Auch die Kate¬≠go¬≠rie des Gesun¬≠den selbst wurde regel¬≠bil¬≠dend umge¬≠kehrt, als sich herauss¬≠tellte, dass Infi¬≠zierte nicht zwin¬≠gend Kranke sind. Damit scheint gemein¬≠hin bewie¬≠sen, dass jeder gesunde Mensch ein Kran¬≠ker ist, der es noch nicht wei√ü. Gef√§hr¬≠li¬≠cher noch : Jeder schein¬≠bar Gesunde wird selbst zum m√∂gli¬≠chen ‚ÄěSuper¬≠ver¬≠brei¬≠ter‚Äú und zur schlie√ü¬≠lich zur m√∂glich rea¬≠len Todes¬≠dro¬≠hung f√ľr seine Fami¬≠lie, seine Freunde und die Bev√∂l¬≠ke¬≠rung im Gan¬≠zen wer¬≠den. Der Feind lauert √ľberall. 

Der heran¬≠na¬≠hende Fu√üg√§n¬≠ger, der die Stra√üen¬≠seite wech¬≠selt, der ver¬≠mummte Rad¬≠fah¬≠rer auf den men¬≠schen¬≠lee¬≠ren Stra√üen der hin¬≠ters¬≠ten Pro¬≠vinz, der emp√∂rte Denun¬≠ziant im Super¬≠markt und der Hob¬≠by-Poli¬≠zist in der Woh¬≠nan¬≠lage : Sie alle geh√∂¬≠ren schon zu den willi¬≠gen Hel¬≠fern der regres¬≠si¬≠ven Ang¬≠st¬≠po¬≠li¬≠tik, die sich daf√ľr stark macht, demo¬≠kra¬≠tische Grun¬≠drechte und Frei¬≠hei¬≠ten auf dem Altar des Ter¬≠rors und der Siche¬≠rheit zu opfern. Blei¬≠ben wir gesund, der Rechtss¬≠taat kann warten.