Parteipolitik ohne Ausnahme

(Erwei¬≠terte Fas¬≠sung des Tage¬≠blatt-Arti¬≠kels vom 19. Mai 2020)

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In sei¬≠ner Abhand¬≠lung √ľber poli¬≠tische Theo¬≠lo¬≠gie schrieb der Rechts¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler Carl Schmitt √ľber den Aus¬≠nah¬≠me¬≠zus¬≠tand, dass die Aus¬≠nahme inter¬≠es¬≠san¬≠ter als der Nor¬≠mal¬≠fall sei. Das Nor¬≠male, so Schmitt, beweise nichts, die Aus¬≠nahme alles. Denn in ‚Äěder Aus¬≠nahme durch¬≠bricht die Kraft des wirk¬≠li¬≠chen Lebens die Kruste einer in Wie¬≠de¬≠rho¬≠lung ers¬≠tarr¬≠ten Mechanik.‚Äú 

Im Edi¬≠to¬≠rial der Woxx vom 8. Mai gibt Luc Care¬≠ga¬≠ri eine inter¬≠es¬≠sante Aufz√§h¬≠lung von par¬≠tei¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠schen Eige¬≠nar¬≠ten eines √ľber die kons¬≠ti¬≠tu¬≠tio¬≠nell defi¬≠nier¬≠ten Gefah¬≠ren¬≠si¬≠tua¬≠tion hinaus andauern¬≠den Aus¬≠nah¬≠me¬≠zus¬≠tands. Nach au√üen schei¬≠nen die Regie¬≠rung¬≠spar¬≠teien sich der¬≠zeit von der Zivil¬≠ge¬≠sell¬≠schaft gel√∂st zu haben. Obwohl das Edi¬≠to¬≠rial sich bei die¬≠sem Befund haupts√§¬≠chlich auf das oppor¬≠tu¬≠nis¬≠tische Umsch¬≠wen¬≠ken der Gr√ľ¬≠nen hin¬≠sicht¬≠lich des CETA Votums bezieht, l√§sst diese Fests¬≠tel¬≠lung sich leicht auf die ande¬≠ren poli¬≠ti¬≠schen Par¬≠teien √ľbertragen. 

Poli¬≠tische Par¬≠teien schei¬≠nen auch nicht mehr grund¬≠s√§tz¬≠lich die Inter¬≠es¬≠sen ihrer W√§h¬≠ler und Mit¬≠glie¬≠der zu repr√§¬≠sen¬≠tie¬≠ren. Sie schei¬≠nen sich viel¬≠mehr selbs¬≠tre¬≠fe¬≠ren¬≠ziell um sonst ver¬≠schleierte Eige¬≠nin¬≠te¬≠res¬≠sen von F√ľh¬≠rung¬≠se¬≠li¬≠ten zu bem√ľ¬≠hen. Voraus¬≠ge¬≠setzt ist dabei die √úber¬≠zeu¬≠gung der Par¬≠teif√ľh¬≠run¬≠gen, dass nach¬≠tr√§¬≠gliche poli¬≠tische Rhe¬≠to¬≠rik jegliche Abwei¬≠chung von den √ľbli¬≠chen Par¬≠tei¬≠li¬≠nien widers¬≠tand¬≠slos ins rechte Lot zu brin¬≠gen ver¬≠mag, falls die oppor¬≠tu¬≠nis¬≠tische Prin¬≠zi¬≠pien¬≠lo¬≠sig¬≠keit nicht der √ľbli¬≠chen Indif¬≠fe¬≠renz der W√§h¬≠ler¬≠schaft anheim¬≠fal¬≠len sollte. 

Auch schei¬≠nen Poli¬≠ti¬≠ker selbst weni¬≠ger von ‚Äöideo¬≠lo¬≠gi¬≠schen‚Äė und poli¬≠ti¬≠schen √úber¬≠zeu¬≠gun¬≠gen gelei¬≠tet zu sein als von den ver√§n¬≠der¬≠li¬≠chen Inter¬≠es¬≠sen tages¬≠ges¬≠ch√§ft¬≠li¬≠cher Drin¬≠gli¬≠ch¬≠kei¬≠ten. Aus die¬≠sem Grund emp¬≠fin¬≠den es Poli¬≠ti¬≠ker oder Par¬≠teien auch nicht als absurd oder unred¬≠lich sich heute gegen Ver¬≠tr√§ge, gegen den Aus¬≠nah¬≠me¬≠zus¬≠tand (wie es D√©i L√©nk mit Nach¬≠druck vor 3 Jah¬≠ren mach¬≠ten), f√ľr oder gegen die Demo¬≠kra¬≠tie stark zu machen, um mor¬≠gen schon mit dem¬≠sel¬≠ben Nach¬≠druck und der glei¬≠chen rhe¬≠to¬≠ri¬≠schen Mobi¬≠li¬≠sie¬≠rung das Gegen¬≠teil zu ver¬≠tei¬≠di¬≠gen, so als, ob es nie Abwei¬≠chun¬≠gen von Par¬≠tei¬≠li¬≠nien, von poli¬≠ti¬≠schen Grund¬≠prin¬≠zi¬≠pien oder inhalt¬≠li¬≠chen Wahl¬≠vers¬≠pre¬≠chen gege¬≠ben h√§tte. 

Berech¬≠tig¬≠ter¬≠weise zieht die Kri¬≠tik daraus den entt√§u¬≠sch¬≠ten Schluss, dass poli¬≠tische Par¬≠teien selbst die Voraus¬≠set¬≠zun¬≠gen f√ľr den Popu¬≠lis¬≠mus lie¬≠fern, mit des¬≠sen Kri¬≠tik sie umge¬≠kehrt dann ihre Glaub¬≠haf¬≠tig¬≠keit wie¬≠der an die W√§h¬≠ler wei¬≠ter¬≠ver¬≠kau¬≠fen m√∂chten. 

Die¬≠ser ern√ľch¬≠terte Blick erin¬≠nert nicht zuf√§l¬≠lig an die Dars¬≠tel¬≠lun¬≠gen der wis¬≠sen¬≠schaft¬≠li¬≠chen Par¬≠teien¬≠so¬≠zio¬≠lo¬≠gie, ange¬≠fan¬≠gen mit Robert Michels bahn¬≠bre¬≠chen¬≠dem Werk √ľber die sozia¬≠lis¬≠tische Par¬≠tei Deut¬≠schlands. Die sozio¬≠lo¬≠gi¬≠schen Ana¬≠ly¬≠sen der Par¬≠tei¬≠po¬≠li¬≠tik seit Michels geben in der Tat einen detaillier¬≠ten Ein¬≠blick auf die durchg√§n¬≠gige Nor¬≠ma¬≠lit√§t der oben monier¬≠ten Widerspr√ľche. 

Robert Michels bes¬≠chrieb am Anfang des 20. Jah¬≠rhun¬≠derts die Grund¬≠struk¬≠tur und das Funk¬≠tio¬≠nie¬≠ren von Par¬≠teien und Gewerk¬≠schaf¬≠ten mit sei¬≠nem ‚Äěeher¬≠nen Gesetz der Oli¬≠gar¬≠chie‚Äú. Dieses Ent¬≠wi¬≠ck¬≠lung¬≠sge¬≠setz von poli¬≠ti¬≠schen Verb√§n¬≠den erkl√§rte Michels aus tech¬≠nisch-admi¬≠nis¬≠tra¬≠ti¬≠ven, psy¬≠cho¬≠lo¬≠gi¬≠schen und intel¬≠lek¬≠tuel¬≠len Faktoren. 

Da Mas¬≠sen¬≠par¬≠teien nicht mehr als direkte interne Demo¬≠kra¬≠tie funk¬≠tio¬≠nie¬≠ren k√∂n¬≠nen, bed√ľr¬≠fen sie einer b√ľro¬≠kra¬≠ti¬≠schen Orga¬≠ni¬≠sa¬≠tion. Es ist diese Orga¬≠ni¬≠sa¬≠tion die Michels zufolge zu einer un√ľ¬≠ber¬≠wind¬≠ba¬≠ren Arbeits¬≠tren¬≠nung zwi¬≠schen Par¬≠tei¬≠mit¬≠glie¬≠dern einer¬≠seits und einer F√ľh¬≠rung¬≠se¬≠lite ande¬≠rer¬≠seits f√ľhrt, die dann sich zuneh¬≠mend in einer unbe¬≠we¬≠gli¬≠chen Par¬≠teio¬≠li¬≠gar¬≠chie ver¬≠fes¬≠tigt. Demo¬≠kra¬≠tische Par¬≠teien ver¬≠wan¬≠deln sich so fast gesetzm√§√üig zu demo¬≠kra¬≠ti¬≠schen Oli¬≠gar¬≠chien, die nur noch for¬≠mal vom Dele¬≠ga¬≠tions¬≠prin¬≠zip bes¬≠timmt werden. 

Die so ents¬≠te¬≠hende Oli¬≠gar¬≠chi¬≠sie¬≠rung f√ľhrt Michels zufolge dar√ľ¬≠ber hinaus zu psy¬≠cho¬≠lo¬≠gi¬≠schen ‚ÄěMeta¬≠mor¬≠pho¬≠sen‚Äú, zu ein¬≠ge¬≠fah¬≠re¬≠nen Denk- und Verhal¬≠tens¬≠mus¬≠tern sowohl bei den apa¬≠thisch wer¬≠den¬≠den Mit¬≠glie¬≠dern wie bei den c√§sa¬≠ris¬≠ti¬≠schen F√ľh¬≠rern. Bei die¬≠sen letz¬≠te¬≠ren gilt nach Michels durch¬≠wegs die Eins¬≠tel¬≠lung : ‚ÄěLe Par¬≠ti, c‚Äôest moi‚Äú. Mit der aus admi¬≠nis¬≠tra¬≠ti¬≠ver und poli¬≠ti¬≠scher Exper¬≠tise stam¬≠men¬≠den Macht, welche die Par¬≠teif√ľh¬≠rung pro¬≠gres¬≠siv mono¬≠po¬≠li¬≠siert schot¬≠tet diese sich glei¬≠ch¬≠zei¬≠tig nach unten mithilfe von inter¬≠nen Kar¬≠tell¬≠bil¬≠dun¬≠gen ab. Par¬≠teien wer¬≠den damit zu verh√§r¬≠te¬≠ten Eli¬≠te¬≠herr¬≠schafts¬≠verb√§n¬≠den die sich nach oben allen For¬≠men poli¬≠ti¬≠scher Kor¬≠rup¬≠tion ‚ąí Vor¬≠teils¬≠nahme und Vor¬≠teils¬≠gew√§h¬≠rung, Klien¬≠te¬≠lis¬≠mus, Nepo¬≠tis¬≠mus, Patro¬≠nage, Dreht√ľ¬≠ref¬≠fekt, Lob¬≠byis¬≠mus, usw. ‚Äď √∂ff¬≠nen und nach unten Ern√ľch¬≠te¬≠rung und Ent¬≠frem¬≠dung herbeif√ľhren.

Michels √ľber 500 Sei¬≠ten lange und mit aus¬≠gie¬≠bi¬≠gem Beweis¬≠ma¬≠te¬≠rial ange¬≠rei¬≠cherte Ana¬≠lyse bezieht sich jedoch vor¬≠ran¬≠gig auf die Mas¬≠sen¬≠par¬≠teien des sp√§¬≠ten 19. und des begin¬≠nen¬≠den 20. Jah¬≠rhun¬≠derts. Diese Mas¬≠sen¬≠par¬≠teien soll¬≠ten anfangs noch klar abge¬≠grenzte Seg¬≠mente der Gesell¬≠schaft mit einer gemein¬≠sa¬≠men Ideo¬≠lo¬≠gie repr√§¬≠sen¬≠tie¬≠ren und so als Spra¬≠chrohr von mehr oder weni¬≠ger homo¬≠ge¬≠nen gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Klas¬≠sen dienen. Es geh√∂rte noch zum Selbst¬≠verst√§nd¬≠nis die¬≠ser Mas¬≠sen¬≠par¬≠teien, dass die F√ľh¬≠rung¬≠se¬≠li¬≠ten die Inter¬≠es¬≠sen ihrer W√§h¬≠ler und Mit¬≠glie¬≠der aus der Zivil¬≠ge¬≠sell¬≠schaft heraus repr√§¬≠sen¬≠tier¬≠ten und so mit¬≠tels Man¬≠date an die Staats¬≠macht heran¬≠tru¬≠gen. Daher konnte die orga¬≠ni¬≠sa¬≠tio¬≠nale, psy¬≠cho¬≠lo¬≠gische und intel¬≠lek¬≠tuelle Oli¬≠gar¬≠chi¬≠sie¬≠rung die¬≠ser Par¬≠teien noch als verst√∂¬≠rendes Para¬≠dox erscheinen. 

In den sp√§¬≠ten 60er-Jah¬≠ren nahm der Staats¬≠recht¬≠ler Otto Kir¬≠ch¬≠hei¬≠mer Michels‚Äė Ana¬≠ly¬≠sen wie¬≠der auf, um die Ent¬≠wi¬≠ck¬≠lung eines neues Par¬≠tei¬≠ty¬≠pus hin¬≠zu¬≠wei¬≠sen, der aus den Mas¬≠sen¬≠par¬≠teien heraus ents¬≠tan¬≠den war. Solche Par¬≠teien bezeich¬≠nete Kir¬≠ch¬≠hei¬≠mer als ‚Äěcatch-all‚Äú Par¬≠teien, als Volks¬≠par¬≠teien oder ‚ÄěAller¬≠welts¬≠par¬≠teien‚Äú.

Volks¬≠par¬≠teien, so Kir¬≠ch¬≠hei¬≠mer, hegen nicht mehr den Ans¬≠pruch bes¬≠timmte Seg¬≠mente oder Klas¬≠sen poli¬≠tisch zu repr√§¬≠sen¬≠tie¬≠ren, son¬≠dern bes¬≠chr√§n¬≠ken sich auf kurz¬≠fris¬≠tige Erfolge bei Wah¬≠len. Die not¬≠wen¬≠dige poli¬≠tische Flexi¬≠bi¬≠lit√§t im unmit¬≠tel¬≠ba¬≠ren poli¬≠ti¬≠schen Kampf wird durch die Aufop¬≠fe¬≠rung jeder durchg√§n¬≠gi¬≠gen poli¬≠ti¬≠schen Ideo¬≠lo¬≠gie und zuguns¬≠ten von hete¬≠ro¬≠ge¬≠nen Richt¬≠li¬≠nien (poli¬≠cies) ver¬≠wirk¬≠licht. Wie die Mas¬≠sen¬≠par¬≠teien kenn¬≠zeich¬≠nen sich die Volks¬≠par¬≠teien durch eine unum¬≠kehr¬≠bare Ver¬≠fes¬≠ti¬≠gung von Par¬≠teie¬≠li¬≠ten, aber auch durch eine abneh¬≠mende Anzahl von Parteimitgliedern. 

In den Volks¬≠par¬≠teien dient die Losl√∂¬≠sung der inner¬≠par¬≠tei¬≠li¬≠chen Repr√§¬≠sen¬≠ta¬≠tion auch wei¬≠te¬≠rhin der Flexi¬≠bi¬≠li¬≠sie¬≠rung von Par¬≠tei¬≠po¬≠si¬≠tio¬≠nen und Ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen. So k√∂n¬≠nen m√∂gliche Ziel¬≠grup¬≠pen m√∂glichst weit¬≠gef√§¬≠chert mit par¬≠ti¬≠ku¬≠la¬≠ren Inhalts¬≠punk¬≠ten zu Wah¬≠ler¬≠fol¬≠gen mobi¬≠li¬≠siert wer¬≠den. Mit der Aufl√∂¬≠sung jeder kla¬≠ren par¬≠tei¬≠li¬≠chen Orien¬≠tie¬≠rung ver¬≠liert sich auch noch der Anschein jegli¬≠cher ‚Äěbot¬≠tom-up‚Äú Orga¬≠ni¬≠sa¬≠tion.

In der ‚Äětop-down‚Äú Struk¬≠tu¬≠rie¬≠rung der Volks¬≠par¬≠tei fun¬≠gie¬≠ren Par¬≠tei¬≠mit¬≠glie¬≠der nur noch zum Ent¬≠schei¬≠dung¬≠sple¬≠bis¬≠zit der F√ľh¬≠rung¬≠se¬≠li¬≠ten. Infolge die¬≠ser Umkeh¬≠rung k√∂n¬≠nen die Eige¬≠nin¬≠te¬≠res¬≠sen der Par¬≠tei¬≠vorst√§nde sich wei¬≠thin von den Bin¬≠dun¬≠gen zur Zivil¬≠ge¬≠sell¬≠schaft befreien, um sich verst√§rkt dem Auf¬≠bau von daue¬≠rhaf¬≠ten Posi¬≠tio¬≠nen inne¬≠rhalb des Staats durch √Ąmter¬≠be¬≠set¬≠zun¬≠gen von Par¬≠tei¬≠mit¬≠glie¬≠dern zu bem√ľ¬≠hen. Ents¬≠pre¬≠chend den selbs¬≠tre¬≠fe¬≠ren¬≠ziel¬≠len Inter¬≠es¬≠sen der Par¬≠teif√ľh¬≠rung k√∂n¬≠nen pri¬≠vi¬≠le¬≠gierte Mit¬≠glie¬≠der der Volks¬≠par¬≠tei ihre eige¬≠nen beru¬≠fli¬≠chen und finan¬≠ziel¬≠len Inter¬≠es¬≠sen durch die Unterst√ľt¬≠zung der Eli¬≠ten f√∂rdern.

In den 90er-Jah¬≠ren des letz¬≠ten Jah¬≠rhun¬≠derts ver¬≠lor aber auch dieses Par¬≠tei¬≠mo¬≠dell an Bedeu¬≠tung. Die Poli¬≠tik¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler Peter Mair und Richard Katz schlos¬≠sen aus ihren Ana¬≠ly¬≠sen der Ver¬≠falls¬≠be¬≠we¬≠gung von Volks¬≠par¬≠teien, die mit der ‚ÄěKrise der west¬≠li¬≠chen Demo¬≠kra¬≠tien‚Äú ein¬≠her¬≠ging, auf eine neue Orga¬≠ni¬≠sa¬≠tions¬≠form der poli¬≠ti¬≠schen Verb√§nde die sie als Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien bezeich¬≠ne¬≠ten. Bei den Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien wird die W√§h¬≠ler¬≠bin¬≠dung noch ein¬≠mal abges¬≠chw√§cht und die aktive Mit¬≠glied¬≠schaft mini¬≠miert. Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien sind dem¬≠zu¬≠folge, nach dem Aus¬≠druck von Katz und Mair, ‚ÄěPar¬≠teien ohne Par¬≠ti¬≠sa¬≠nen‚Äú. Sie sind pro¬≠fes¬≠sio¬≠na¬≠li¬≠sierte Medien‚Äď und Kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠tions¬≠par¬≠teien, die Mit¬≠glie¬≠dern weni¬≠ger poli¬≠tische Inhalte als Teil¬≠habe an sozia¬≠len, poli¬≠ti¬≠schen und finan¬≠ziel¬≠len Netz¬≠wer¬≠ken anbieten. 

Weil Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien zuneh¬≠mend aus staat¬≠li¬≠chen Res¬≠sour¬≠cen finan¬≠ziert wer¬≠den, zie¬≠hen sie sich noch wei¬≠ter aus der Zivil¬≠ge¬≠sell¬≠schaft auf ihre par¬≠la¬≠men¬≠ta¬≠ri¬≠schen Ein¬≠fluss¬≠nah¬≠men und auf die anges¬≠treb¬≠ten Regie¬≠rung¬≠sfunk¬≠tio¬≠nen der Par¬≠teie¬≠li¬≠ten zur√ľck. 

Die innere Herr¬≠schaft der Par¬≠teif√ľh¬≠rung orien¬≠tiert sich dem¬≠zu¬≠folge auch fast aus¬≠schlie√ü¬≠lich der Zusam¬≠me¬≠nar¬≠beit mit ande¬≠ren pro¬≠fes¬≠sio¬≠na¬≠li¬≠sier¬≠ten Eli¬≠ten in den wech¬≠seln¬≠den Posi¬≠tio¬≠nen von Regie¬≠rung, Oppo¬≠si¬≠tion und pri¬≠va¬≠ten Part¬≠ner¬≠schaf¬≠ten. Zur m√∂glichst rei¬≠bung¬≠slo¬≠sen Zusam¬≠me¬≠nar¬≠beit sol¬≠cher staat¬≠lich-pri¬≠va¬≠ter Macht¬≠kon¬≠ver¬≠genz ‚Äď die sich gerne als Kon¬≠sens¬≠po¬≠li¬≠tik oder Kon¬≠sens¬≠de¬≠mo¬≠kra¬≠tie ver¬≠br√§mt ‚Äď m√ľs¬≠sen sich poli¬≠tische Par¬≠teien deshalb so weit wie m√∂glich zu depo¬≠li¬≠ti¬≠sie¬≠ren. Nur so k√∂n¬≠nen sie, als verl√§ss¬≠liche Koo¬≠pe¬≠ra¬≠tions¬≠part¬≠ner von par¬≠ti¬≠ku¬≠la¬≠ren Inter¬≠es¬≠sen bei den sich anbie¬≠ten¬≠den Gele¬≠gen¬≠hei¬≠ten zur Verf√ľ¬≠gung zu ste¬≠hen. Ideo¬≠lo¬≠gien und reale inhalt¬≠liche Dif¬≠fe¬≠ren¬≠zen zwi¬≠schen Par¬≠teien m√ľs¬≠sen sich bei sol¬≠chen Part¬≠ner¬≠schaf¬≠ten not¬≠wen¬≠di¬≠ger¬≠weise ganz aufl√∂¬≠sen und k√∂n¬≠nen nur noch media¬≠len Dars¬≠tel¬≠lun¬≠gen dienen. 

Bei Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien fun¬≠gie¬≠ren poli¬≠tische Dele¬≠ga¬≠tion und Repr√§¬≠sen¬≠ta¬≠tion nicht ein¬≠mal mehr als m√∂gliche Hin¬≠der¬≠nisse der mach¬≠to¬≠rien¬≠tier¬≠ten Selbs¬≠tre¬≠fe¬≠ren¬≠zia¬≠lit√§t, so wie das bei den Volks¬≠par¬≠teien noch der Fall sein konnte. Dele¬≠ga¬≠tion und Repr√§¬≠sen¬≠ta¬≠tion sind hier durch medien¬≠tech¬≠nische Dema¬≠go¬≠gie ersetzt und wer¬≠den wei¬≠test¬≠ge¬≠hend von pro¬≠fes¬≠sio¬≠na¬≠li¬≠sier¬≠ter Mei¬≠nung¬≠sma¬≠ni¬≠pu¬≠la¬≠tion durch Mar¬≠ke¬≠ting¬≠tech¬≠ni¬≠ken abgel√∂st. Par¬≠tei¬≠po¬≠li¬≠tik wird letz¬≠tend¬≠lich von Medien¬≠men¬≠to¬≠ren zu √∂ffent¬≠li¬≠chen Ins¬≠ze¬≠nie¬≠run¬≠gen umfunk¬≠tio¬≠niert und ‚Äědurch stra¬≠te¬≠gische Ver¬≠suche der poli¬≠tisch-mani¬≠pu¬≠la¬≠ti¬≠ven Hers¬≠tell¬≠bar¬≠keit eines nun ima¬≠gin√§¬≠ren oder fik¬≠ti¬≠ven Volks¬≠willens ersetzt‚Äú (F. W. R√ľb) 

Aus sol¬≠cher Cha¬≠rak¬≠te¬≠ri¬≠sie¬≠rung wird leicht ersicht¬≠lich, dass die real exis¬≠tie¬≠rende repr√§¬≠sen¬≠ta¬≠tive Demo¬≠kra¬≠tie mit den Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien obso¬≠let wurde. Denn die Umkeh¬≠rung der inner¬≠par¬≠tei¬≠li¬≠chen Repr√§¬≠sen¬≠ta¬≠tion der Basis durch die F√ľh¬≠rung wird von den Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien auch auf das Verh√§lt¬≠nis von Regie¬≠rung und Volk weitergeleitet. 

Staats¬≠po¬≠li¬≠tik wird mit den Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien zur w√§h¬≠ler¬≠frem¬≠den Selbst¬≠be¬≠die¬≠nung von poli¬≠ti¬≠schen und wirt¬≠schaft¬≠li¬≠chen Eli¬≠ten, die fol¬≠glich mit √ľber¬≠ra¬≠schen¬≠der Leich¬≠tig¬≠keit von rechts- und links¬≠po¬≠pu¬≠lis¬≠ti¬≠schen Kri¬≠ti¬≠ken auf¬≠ge¬≠grif¬≠fen und poli¬≠tisch mobi¬≠li¬≠siert wer¬≠den k√∂n¬≠nen. Neben der nach¬≠ge¬≠wie¬≠se¬≠nen weit¬≠ver¬≠brei¬≠te¬≠ten auto¬≠rit√§¬≠ren Gesin¬≠nung von gro√üen Tei¬≠len der heu¬≠ti¬≠gen W√§h¬≠ler¬≠schaft tra¬≠gen die Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien wesent¬≠lich zur St√§r¬≠kung der Reak¬≠tion bei, die sie dann heu¬≠chle¬≠risch als gef√§hr¬≠li¬≠chen Popu¬≠lis¬≠mus aburteilen. 

Rechts- und Links¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus stel¬≠len den¬≠noch nur die andere Seite der Kar¬≠tell¬≠par¬≠teien und ihrer Depo¬≠li¬≠ti¬≠sie¬≠rung dar. Beide geh√∂¬≠ren zur gemein¬≠sa¬≠men, unauf¬≠halt¬≠ba¬≠ren gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Ent¬≠wi¬≠ck¬≠lung in Rich¬≠tung Postdemokratie. 

W√§h¬≠rend mani¬≠pu¬≠la¬≠tive Medie¬≠nef¬≠fi¬≠zienz und poli¬≠tisches Schau¬≠spiel diese Bewe¬≠gung im ‚ÄěFlug¬≠sand tages¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠scher Kon¬≠tro¬≠ver¬≠sen‚Äú (Haber¬≠mas) noch gr√∂√ü¬≠ten¬≠teils zu ver¬≠de¬≠cken verm√∂¬≠gen, tre¬≠ten sie im Aus¬≠nah¬≠me¬≠zus¬≠tand unver¬≠deckt in Erscheinung. 

In sei¬≠nem 2003 erschie¬≠nen Buch Ruling the Void zeich¬≠net Peter Mair diese Wand¬≠lun¬≠gen der Par¬≠tei¬≠po¬≠li¬≠tik und der Demo¬≠kra¬≠tie noch ein¬≠ge¬≠hen¬≠der nach. Die √Ąra der Par¬≠tei¬≠po¬≠li¬≠tik und mit ihr die √Ąra der volks¬≠ver¬≠tre¬≠ten¬≠den Demo¬≠kra¬≠tie sind vor¬≠bei, so Mairs ern√ľch¬≠terte Fests¬≠tel¬≠lung. Die klas¬≠sische Rechts- und Link¬≠so¬≠rien¬≠tie¬≠rung wurde aus¬≠geh√∂hlt und bedeu¬≠tungs¬≠los, ohne durch neue Para¬≠dig¬≠men ersetzt zu wer¬≠den. Par¬≠tei¬≠li¬≠nien, auch wenn sie noch ober¬≠fl√§¬≠chlich mit ideo¬≠lo¬≠gi¬≠schen Signalw√∂r¬≠tern ope¬≠rie¬≠ren und sich auf asso¬≠zia¬≠tions¬≠ge¬≠la¬≠dene Eti¬≠ket¬≠ten beru¬≠fen, ver¬≠ber¬≠gen kaum die inkoh√§¬≠rente Frag¬≠men¬≠tie¬≠rung der Politik. 

Indem die Demo¬≠kra¬≠tie klas¬≠sische Par¬≠teien hin¬≠ter sich l√§sst, ope¬≠riert Poli¬≠tik einer¬≠seits in immer gr√∂√üe¬≠rem Abs¬≠tand von jegli¬≠cher Invol¬≠vie¬≠rung der Bev√∂l¬≠ke¬≠rung. Das bringt auf der ande¬≠ren Seite ein wach¬≠sendes Desin¬≠te¬≠resse der Bev√∂l¬≠ke¬≠rung an der Par¬≠tei¬≠po¬≠li¬≠tik. Poli¬≠tik wird zum Schau¬≠spiel, von dem die Bev√∂l¬≠ke¬≠rung nur noch eine Au√üe¬≠nan¬≠sicht hat. Die Par¬≠teien¬≠de¬≠mo¬≠kra¬≠tie ver¬≠wan¬≠delt sich dann zu einer Audienz¬≠de¬≠mo¬≠kra¬≠tie, die sich voran¬≠ging auf die kur¬≠zen Zei¬≠tr√§ume vor den Wah¬≠len konzentriert. 

Was das Woxx Edi­to­rial also zurecht als unde­mo­kra­tisch moniert, bezieht sich kei­nes­falls nur auf einen poli­ti­schen Aus­nah­me­zus­tand. Der juris­tische Aus­nah­me­zus­tand ist, in Carl Schmitts Wor­ten, die Stunde der Exe­ku­tive. Und des­we­gen ist er auch die Stunde der unbe­hin­der­ten Poli­tik von eta­blier­ten und aspi­rie­ren­den Kar­tell­par­teien, die sich in eins­tim­mi­ger Kol­lu­sion die Macht- und Finanz­res­sour­cen des Staats aufteilen.