Adorno : Aspekte des neuen Rechstradikalismus

‚ÄěWarum geben im Osten mehr Men¬≠schen der AfD ihre Stimme als im Wes¬≠ten?‚Äú, fragte der Spie¬≠gel eine Woche vor den Land¬≠tag¬≠swah¬≠len in Sach¬≠sen und Bran¬≠den¬≠burg. Der Grund, so der Spie¬≠gel, liege in der Ang¬≠st. Obwohl die Arbeits¬≠lo¬≠sen¬≠zahl in die¬≠sen L√§n¬≠dern seit Jah¬≠ren sinkt, obwohl √ľber die H√§lfte der Ost¬≠deut¬≠schen ihre eigene wirt¬≠schaft¬≠liche Lage als posi¬≠tiv beur¬≠teilt, gibt es eine st√§n¬≠dige Ang¬≠st den ‚Äěbes¬≠chei¬≠de¬≠nen Mit¬≠tel¬≠stand wie¬≠der zu ver¬≠lie¬≠ren.‚Äú1

Die Ang¬≠st hob auch Ador¬≠no am 6. April 1967 in sei¬≠nem, an der Wie¬≠ner Uni¬≠ver¬≠sit√§t gehal¬≠te¬≠nen Vor¬≠trag ‚ÄěAspekte des neuen Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus‚Äú, her¬≠vor. Man solle nicht nach den rea¬≠len Dek¬≠las¬≠sie¬≠run¬≠gen fra¬≠gen, so Ador¬≠no, son¬≠dern nach der, quer durch die Gesamt¬≠bev√∂l¬≠ke¬≠rung ver¬≠teil¬≠ten Ang¬≠st vor der Dek¬≠las¬≠sie¬≠rung.2

Das Bem√ľ¬≠hen um das psy¬≠cho¬≠lo¬≠gische Vers¬≠te¬≠hen des Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus solle aber kei¬≠nes¬≠wegs unter¬≠schla¬≠gen, dass Abs¬≠tieg¬≠sang¬≠st schon allein gen√ľge, um das poli¬≠tische Ph√§¬≠no¬≠men zu erkl√§¬≠ren. Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus, erin¬≠nert Ador¬≠no immer wie¬≠der, bleibt in ers¬≠ter Ins¬≠tanz ein poli¬≠tisches und soziales Ph√§¬≠no¬≠men. Aber imme¬≠rhin ein poli¬≠tisches Ph√§¬≠no¬≠men bei dem die irra¬≠tio¬≠nale, psy¬≠chische Dimen¬≠sion eine wesent¬≠liche, nicht zu unter¬≠sch√§t¬≠zende Rolle spielt. Die Ang¬≠st vor der Dek¬≠las¬≠sie¬≠rung, die Ang¬≠st vor der tech¬≠no¬≠lo¬≠gi¬≠schen Arbeits¬≠lo¬≠sig¬≠keit, die Ang¬≠st vor dem Sozia¬≠lis¬≠mus und die Ang¬≠st in den gro√üen poli¬≠ti¬≠schen Bl√∂¬≠cken auf¬≠zu¬≠ge¬≠hen bil¬≠den den unumg√§n¬≠gli¬≠chen Hin¬≠ter¬≠grund des Erfolgs der Rechten.

Der Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus ins¬≠tru¬≠men¬≠ta¬≠li¬≠siert das bes¬≠te¬≠hende Ang¬≠st¬≠gef√ľhl genau¬≠so wie er es zu sei¬≠nen Zwe¬≠cken zus√§tz¬≠lich sch√ľrt. Er bes¬≠chw√∂rt eine zeit¬≠nahe soziale oder √∂ko¬≠no¬≠mische Katas¬≠trophe, die nur noch mit letz¬≠ten, radi¬≠ka¬≠len Mit¬≠tel zu bew√§l¬≠ti¬≠gen sein wird. Und auch hier greift Ador¬≠no wider auf ein psy¬≠cho¬≠ana¬≠ly¬≠tisch ges¬≠ch√§rftes Vers¬≠te¬≠hen zur√ľck, wenn er hin¬≠ter der √úbe¬≠rh√∂¬≠hung der Katas¬≠trophe einen unbe¬≠wuss¬≠ten ‚ÄěWunsch nach Unheil‚Äú ver¬≠mu¬≠tet : ‚ÄěWer nichts vor sich sieht und wer die Ver√§n¬≠de¬≠rung der gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Basis nicht will [‚Ķ] der will aus sei¬≠ner eige¬≠nen sozia¬≠len Situa¬≠tion heraus den Unter¬≠gang, und nicht nur den Unter¬≠gang der eige¬≠nen Gruppe, son¬≠dern wenn m√∂glich den Unter¬≠gang des Gan¬≠zen.‚Äú 3

Das anti¬≠de¬≠mo¬≠kra¬≠tische Ele¬≠ment des Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus fin¬≠det sich also auch im Psy¬≠cho¬≠lo¬≠gi¬≠schen, und in der Ver¬≠din¬≠gli¬≠chung des Gegen¬≠satzes zwi¬≠schen Vers¬≠tand und Gef√ľhl. Denn der Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus spricht kal¬≠ku¬≠liert Gef√ľhle an und pr√§¬≠sen¬≠tiert sich selbst als Aus¬≠druck der √ľber¬≠gan¬≠ge¬≠nen Opfer einer unge¬≠rech¬≠ten Gesell¬≠schaft. Die rechte Agi¬≠ta¬≠tion setzt auf Ins¬≠ze¬≠nie¬≠run¬≠gen einer Unter¬≠ta¬≠nen¬≠rolle, die ledi¬≠glich f√ľr mehr Gerech¬≠tig¬≠keit und Demo¬≠kra¬≠tie wer¬≠ben will. Aus die¬≠sem Para¬≠dox schlie√üt Ador¬≠no, dur¬≠chaus im Eink¬≠lang mit der aktuel¬≠len For¬≠schung zum Rechts¬≠po¬≠pu¬≠lis¬≠mus, dass Faschis¬≠mus und Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus nie einer koh√§¬≠ren¬≠ten Ideo¬≠lo¬≠gie bed√ľr¬≠fen. Dem¬≠gem√§√ü zei¬≠gen sich viel flexi¬≠bler als die g√§n¬≠gi¬≠gen poli¬≠ti¬≠schen Orien¬≠tie¬≠run¬≠gen und blei¬≠ben wei¬≠thin parteiunabh√§ngig. 

Trotz ihres ‚Äěnie¬≠dri¬≠gen geis¬≠ti¬≠gen Niveaus und ihrer Theo¬≠rie¬≠lo¬≠sig¬≠keit‚Äú, mahnt Ador¬≠no, soll man diese Bewe¬≠gun¬≠gen also auf kei¬≠nen Fall unter¬≠sch√§t¬≠zen. Denn was hier an Theo¬≠rie oder ‚ÄěVers¬≠tand‚Äú fehlt, wird leicht von der Kunst¬≠fer¬≠tig¬≠keit der Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da kom¬≠pen¬≠siert. Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da ist im Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus ‚Äědie Sub¬≠stanz der Sache selbst‚Äú. Wie absurd oder unglaub¬≠haft die Ziele der rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠len Bewe¬≠gun¬≠gen auch sein m√∂gen, die Vor¬≠ge¬≠hens¬≠weise des Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus ist ein¬≠zig auf schlichte Macht√ľ¬≠ber¬≠nahme ausgelegt. 

Was sich als ‚Äěd√ľnne‚Äú Ideo¬≠lo¬≠gie im Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus anbie¬≠tet, bleibt deshalb auch immer zwei¬≠tran¬≠gig und mit einer gewis¬≠sen Ambi¬≠va¬≠lenz besetzt. Ador¬≠no sieht das am klars¬≠ten am Bei¬≠spiel des Natio¬≠na¬≠lis¬≠mus : Der sowie¬≠so von den gro√üen Bl√∂¬≠cken des Kal¬≠ten Krieges ein¬≠ges¬≠chr√§nkte Bewe¬≠gung¬≠sspiel¬≠raum der Natio¬≠nen wird unglaub¬≠haft √ľbe¬≠rh√∂ht und in sei¬≠ner Fik¬≠tion trotz¬≠dem als Gegen¬≠wehr gegen anti¬≠zi¬≠pierte Katas¬≠tro¬≠phen auf¬≠ge¬≠bo¬≠ten. ‚Äě√úber¬≠zeu¬≠gun¬≠gen und Ideo¬≠lo¬≠gien gerade dann, wenn sie eigent¬≠lich durch objek¬≠tive Situa¬≠tion nicht mehr recht sub¬≠stan¬≠tiell sind, ihr D√§mo¬≠nisches, ihr wah¬≠rhaft Zerst√∂¬≠re¬≠risches anneh¬≠men.‚Äú4

Bis hie¬≠rhin schei¬≠nen Ador¬≠nos Ausf√ľh¬≠run¬≠gen zum Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus dur¬≠chaus aktuell und mit den Grund¬≠vo¬≠raus¬≠set¬≠zun¬≠gen der heu¬≠ti¬≠gen empi¬≠ri¬≠schen Sozial¬≠for¬≠schung √ľber Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus und Rechts¬≠po¬≠pu¬≠lis¬≠mus vereinbar. 

Als ori¬≠gi¬≠nel¬≠ler erweist sich jedoch die Mehr¬≠di¬≠men¬≠sio¬≠na¬≠lit√§t von Ador¬≠nos Ansatz, der nicht nur auf die sozia¬≠len und poli¬≠ti¬≠schen Funk¬≠tions¬≠wei¬≠sen und auf die psy¬≠cho¬≠lo¬≠gische Bes¬≠chaf¬≠fen¬≠heit der Adres¬≠san¬≠ten sol¬≠cher Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da ein¬≠geht, son¬≠dern auch noch ihre rhe¬≠to¬≠ri¬≠schen Tech¬≠ni¬≠ken ins Auge fasst. 

Der Vor¬≠trag stellt eine ganze Reihe sol¬≠cher ‚ÄěTricks‚Äú ein¬≠schlie√ü¬≠lich kur¬≠zer, dur¬≠ch¬≠drin¬≠gen¬≠der Ana¬≠ly¬≠sen, wie man sie aus Mini¬≠ma Mora¬≠lia kennt, dar : die kumu¬≠la¬≠ti¬≠ven Effekte der Anspie¬≠lun¬≠gen zum Kurz¬≠schlie√üen der sozia¬≠len und lega¬≠len Zen¬≠sur, der Appell an den Konk¬≠tre¬≠tis¬≠mus, der mit sche¬≠ma¬≠ti¬≠schen Dars¬≠tel¬≠lun¬≠gen von erfun¬≠de¬≠nen Ein¬≠zel¬≠dars¬≠tel¬≠lun¬≠gen gef√ľhls¬≠be¬≠tonte Stel¬≠lun¬≠gnah¬≠men pro¬≠vo¬≠ziert, das Zur√ľck¬≠grei¬≠fen auf unkon¬≠trol¬≠lier¬≠bare Erkennt¬≠nisse, welche die Exper¬≠ten¬≠rolle gegen ihren Zweck per¬≠ver¬≠tier¬≠ten, die ‚ÄěSala¬≠mi-Methode‚Äú die Zusam¬≠menh√§nge in getrennte Tei¬≠las¬≠pekte zer¬≠le¬≠gen um Kri¬≠tik kurz¬≠zu¬≠schlie√üen und wei¬≠tere mehr. 

Scharf¬≠sin¬≠nig, wenn auch durch einen plat¬≠ten Posi¬≠ti¬≠vis¬≠mus ‚Äö√ľbe¬≠rholt‚Äė, bleibt Ador¬≠nos R√ľck¬≠griff auf die freudsche Psy¬≠cho¬≠ana¬≠lyse. Um die Wir¬≠kung¬≠sweise der rech¬≠ten Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da zu erl√§u¬≠tern, f√ľhrt Ador¬≠no das ideo¬≠lo¬≠giearme und theo¬≠re¬≠tische Dur¬≠chei¬≠nan¬≠der des Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus auf die Ein¬≠heit seines Appells an gewisse Pers√∂n¬≠li¬≠ch¬≠keits¬≠merk¬≠male, oder an gewisse ‚Äěanthro¬≠po¬≠lo¬≠gische Typen‚Äú zur√ľck. 

Hier manö­vriert Ador­no schon 1969 die psy­cho­ana­ly­tisch ins­pi­rier­ten Stu­dien zum auto­ritä­ren Cha­rak­ter gegen eine neue Wis­sen­schaft­li­ch­keit aus, die glaubt sich Deu­tun­gen des Unbe­wuss­ten durch sta­tis­tische Ober­flä­chen­mus­ter ers­pa­ren zu können.

Wenn man aber auf diese Dinge dann zu spre­chen kommt, dann wer­den die Herr­schaf­ten plötz­lich ganz wis­sen­schaft­lich, erklä­ren, daß der Auf­weis der auto­ritäts­ge­bun­de­nen Persön­li­ch­keit, daß der nicht mit der not­wen­di­gen Exak­theit sta­tis­tisch bewah­rhei­tet sei, und benut­zen die Mit­tel eines per­ver­tier­ten Posi­ti­vis­mus dazu, die Erfah­rung, die leben­dige Erfah­rung zu inhi­bie­ren.5

F√ľr Ador¬≠no stand noch fest, dass die Abwehr gegen die Psy¬≠cho¬≠ana¬≠lyse mit Antiin¬≠tel¬≠lek¬≠tua¬≠lis¬≠mus ein¬≠her¬≠geht. Beson¬≠ders im Hin¬≠blick auf den Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus muss dann die platte Wis¬≠sen¬≠schaft des rei¬≠nen Inven¬≠tars von zusam¬≠men¬≠hang¬≠slo¬≠sen Aspek¬≠ten macht¬≠los blei¬≠ben. Der for¬≠male Vers¬≠tand einer um die Erfah¬≠rung gebrach¬≠ten Ana¬≠lyse ver¬≠mag es nicht die Ver¬≠wi¬≠ck¬≠lung von sozia¬≠lem, poli¬≠ti¬≠schen und psy¬≠cho¬≠lo¬≠gi¬≠schen zu fas¬≠sen, die den Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus so zeit¬≠best√§n¬≠dig und ges¬≠chichts¬≠re¬≠sistent macht.

Auch auf die Frage was zu tun und was zu ver¬≠mei¬≠den sei, ver¬≠mag es Ador¬≠no ein paar, glei¬≠ch¬≠falls nicht sehr opti¬≠mis¬≠tische L√∂sun¬≠gen vor¬≠zus¬≠tel¬≠len. Man solle vor allem nicht auf Mora¬≠li¬≠sie¬≠run¬≠gen oder auf ethische Appelle set¬≠zen, die von den Auto¬≠rit√§¬≠ren als Schw√§che emp¬≠fun¬≠den wer¬≠den, wenn sie sie nicht gleich zur ‚ÄěWei√ü¬≠glut‚Äú bringen. 

Die Anh√§n¬≠ger des Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus, denkt Ador¬≠no, verm√∂¬≠gen es dort, wo es um ihre eige¬≠nen Inter¬≠es¬≠sen geht, ganz anders zu den¬≠ken und zu han¬≠deln, als es ihre ‚Äěvorur¬≠teils¬≠vol¬≠len Pers√∂n¬≠li¬≠ch¬≠kei¬≠ten‚Äú ahnen las¬≠sen. Deshalb soll man immer wie¬≠der auf¬≠wei¬≠sen, inwie¬≠fern die repres¬≠si¬≠ven Ideo¬≠lo¬≠gien, die sie an Andere adres¬≠sie¬≠ren, auch ihnen letz¬≠tend¬≠lich zum Verh√§n¬≠gnis wer¬≠den m√ľssen. 

Man solle alle rhe¬≠to¬≠rische und psy¬≠cho¬≠lo¬≠gische ‚ÄěTricks‚Äú unaufh√∂r¬≠lich auf¬≠de¬≠cken und aufkl√§¬≠ren und man solle ihnen ‚Äěsehr dras¬≠tische Namen geben‚Äú, um so dem Miss¬≠brauch auch noch der wah¬≠ren Ele¬≠mente, die von der rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠len Ideo¬≠lo¬≠gie zu unwah¬≠ren Zwe¬≠cken verf√§l¬≠scht wer¬≠den ‚Äěmit der durch¬≠schla¬≠gen¬≠den Kraft der Ver¬≠nunft‚Äú ent¬≠ge¬≠gen zu k√§mp¬≠fen.6 Ador¬≠no w√§re also nicht von den¬≠je¬≠ni¬≠gen heran¬≠zu¬≠ho¬≠len, die L√ľgen gegen L√ľgen zu set¬≠zen versuchen. 

Lei¬≠der bleibt die Hoff¬≠nung auf die Wirk¬≠sam¬≠keit aller die¬≠ser Vor¬≠ge¬≠hens¬≠wei¬≠sen auch nach Ador¬≠nos Mei¬≠nung bes¬≠chr√§nkt. Denn es geh√∂rt zum Syn¬≠drom der auto¬≠rit√§¬≠ren Pers√∂n¬≠li¬≠ch¬≠kei¬≠ten, dass sie ‚Äěunans¬≠prech¬≠bar sind, dass sie nichts an sich heran kom¬≠men las¬≠sen‚Äú.7

Die Rezen¬≠sen¬≠ten des jetzt schrift¬≠lich erschie¬≠ne¬≠nen Vor¬≠trags ‚Äď Aspekte des neuen Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus ‚Äď beto¬≠nen eins¬≠tim¬≠mig die Aktua¬≠lit√§t von Ador¬≠nos √úber¬≠le¬≠gun¬≠gen. Auch der Heraus¬≠ge¬≠ber, Vol¬≠ker Wei√ü, hebt in sei¬≠nem sehr lesens¬≠wer¬≠ten Nach¬≠wort die ‚Äěhell¬≠sich¬≠tig wir¬≠kende Aktua¬≠lit√§t‚Äú von Ador¬≠nos Gedan¬≠ken zum Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus her¬≠vor. Damit d√ľrfte viel¬≠leicht der psy¬≠cho¬≠lo¬≠gische, affek¬≠tive Hin¬≠ter¬≠grund des Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus wie¬≠der st√§r¬≠ker ins Blick¬≠feld r√ľcken.8 

In der Tat erschei¬≠nen auch 2019 noch sehr viele Aspekte von Ador¬≠nos Ana¬≠lyse ers¬≠taun¬≠lich zutref¬≠fend. Nicht weni¬≠ger √ľber¬≠ra¬≠schend ist, dass Ador¬≠no selbst sich auch schon 1969 √ľber die Aktua¬≠lit√§t des damals neuen Recht¬≠sex¬≠tre¬≠mis¬≠mus gegen√ľ¬≠ber dem Faschis¬≠mus der 1930er und 1940er Jah¬≠ren wun¬≠derte : ‚ÄěEs ist ers¬≠taun¬≠lich, wenn man die Doku¬≠mente liest, wie wenig zu dem alten Reper¬≠toire an Neuem hin¬≠zu gekom¬≠men ist, wie sekund√§r und auf¬≠gew√§rmt es ist.‚Äú9

Aber nicht nur die For¬≠men, Metho¬≠den und Tricks des Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus zei¬≠gen sich eini¬≠ger¬≠ma√üen inva¬≠riant. Eine der gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Grund¬≠be¬≠din¬≠gun¬≠gen die Ador¬≠no schon 1959, also noch¬≠mals fast 10 Jahre vor sei¬≠nem Vor¬≠tag √ľber Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus die¬≠sem zugrunde legte, dauert fort, auch wenn in einem ges¬≠chicht¬≠lich sehr ver¬≠schie¬≠de¬≠nen Kon¬≠text und in sehr ver¬≠schie¬≠de¬≠ner Form. Es sei, so Ador¬≠no n√§m¬≠lich, ‚Äědie nach wie vor herr¬≠schende Kon¬≠zen¬≠tra¬≠tions¬≠ten¬≠denz des Kapi¬≠tals‚Äú die, f√ľr unter¬≠schied¬≠liche Schich¬≠ten der Bev√∂l¬≠ke¬≠rung, die an ihren gef√§hr¬≠de¬≠ten Pri¬≠vi¬≠le¬≠gien h√§n¬≠gen, wenn nicht eine zeit¬≠nahe Rea¬≠lit√§t, doch eine per¬≠ma¬≠nente M√∂gli¬≠ch¬≠keit der Dek¬≠las¬≠sie¬≠rung beinhaltet. 

Folgt man also Ador¬≠no, so war die Gefahr des Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus kei¬≠nes¬≠falls in den Nach¬≠krieg¬≠sjah¬≠ren √ľber¬≠wun¬≠den, und sie ist es heute noch immer nicht. ‚ÄěIch betrachte das Nachle¬≠ben des Natio¬≠na¬≠lis¬≠mus in der Demo¬≠kra¬≠tie, schrieb Ador¬≠no 1959, als poten¬≠tiell bedroh¬≠li¬≠cher denn als das Nachle¬≠ben faschis¬≠ti¬≠scher Ten¬≠den¬≠zen gegen die Demo¬≠kra¬≠tie.‚Äú10

Die Ten¬≠denz des Natio¬≠na¬≠lis¬≠mus brei¬≠tet sich heute allen¬≠falls unge¬≠nier¬≠ter als nach dem Krieg und mit erschre¬≠cken¬≠der Ges¬≠ch¬≠win¬≠dig¬≠keit wie¬≠der aus. K√∂nnte man dann auch im Umkehr¬≠schluss den¬≠ken, dass der ‚Äöanthro¬≠po¬≠lo¬≠gische Typus‚Äė der auto¬≠rit√§¬≠ren Pers√∂n¬≠li¬≠ch¬≠keit wie¬≠der ums viel¬≠fache gel√§u¬≠fi¬≠ger wurde und noch¬≠mals ver¬≠mehrt M√∂gli¬≠ch¬≠kei¬≠ten zur poli¬≠ti¬≠schen Akti¬≠vie¬≠rung von Mani¬≠pu¬≠la¬≠to¬≠ren und Agi¬≠ta¬≠to¬≠ren bereitstellt ?

Solche Fra¬≠gen schei¬≠nen dann aber reso¬≠lut unzeit¬≠gem√§√ü. Denn sowohl der Begriff der auto¬≠rit√§¬≠ren Pers√∂n¬≠li¬≠ch¬≠keit als auch der R√ľck¬≠griff auf eine schein¬≠bar ‚Äě√ľbe¬≠rholte‚Äú Psy¬≠cho¬≠ana¬≠lyse schei¬≠nen heute den meis¬≠ten Auto¬≠ren in der Regel nicht mehr prak¬≠ti¬≠ka¬≠bel. Der ‚Äěper¬≠ver¬≠tierte Posi¬≠ti¬≠vis¬≠mus‚Äú √ľber den sich Ador¬≠no schon 1969 bes¬≠ch¬≠werte ist fast aus¬≠nahm¬≠slos zur Norm geworden. 

Zum Teil ist die¬≠ser Vor¬≠be¬≠halt verst√§nd¬≠lich, da das Zusam¬≠men¬≠spiel von Gesell¬≠schaft und Psyche, von Pro¬≠duk¬≠tions¬≠pro¬≠zess und Pers√∂n¬≠li¬≠ch¬≠keit nicht auf eine ein¬≠fache und durchg√§n¬≠gige Art und Weise mitei¬≠nan¬≠der verschr√§nken. 

Ador¬≠no warnte schon in sei¬≠nem Vor¬≠trag von 1969, dass sich die poli¬≠tische und √∂ko¬≠no¬≠mische Situa¬≠tion nicht auf direk¬≠tem Weg auf psy¬≠cho¬≠lo¬≠gische Kon¬≠fi¬≠gu¬≠ra¬≠tio¬≠nen nie¬≠der¬≠schl√§gt. In den Unter¬≠su¬≠chun¬≠gen √ľber die Auto¬≠rit√§¬≠ren der 1930er Jahre war es weni¬≠ger die unmit¬≠tel¬≠bare wirt¬≠schaft¬≠liche Bes¬≠chaf¬≠fen¬≠heit der Gesell¬≠schaft, als eine bes¬≠timmte Fami¬≠lien¬≠kon¬≠fi¬≠gu¬≠ra¬≠tion, die sich als Wiege des Auto¬≠rit√§¬≠ren aus¬≠wei¬≠sen sollte. 

In sei¬≠nem Auf¬≠satz zur Stu¬≠die √ľber Auto¬≠rit√§t und Fami¬≠lie schrieb Erich Fromm 1936, dass die Gesell¬≠schaft und die Klas¬≠sen¬≠zu¬≠geh√∂¬≠rig¬≠keit bevor¬≠zugt √ľber das Medium der Fami¬≠lie auf die Psyche ein¬≠wir¬≠ken : ‚ÄěDie Fami¬≠lie ist das Medium der Gesell¬≠schaft.‚Äú11

Auch Hor¬≠khei¬≠mer dr√ľckte in sei¬≠nem all¬≠ge¬≠mei¬≠nen Vor¬≠wort zu den Stu¬≠dien klar aus, dass sich Hand¬≠lung¬≠swei¬≠sen der Men¬≠schen ‚Äěnicht allein aus √∂ko¬≠no¬≠mi¬≠schen Vorg√§n¬≠gen erkl√§¬≠ren‚Äú12 las¬≠sen. Man kann Pers√∂n¬≠li¬≠ch¬≠keit also nicht ohne wei¬≠teres aus dem Pro¬≠duk¬≠tions¬≠pro¬≠zess ablei¬≠ten, auch wenn er dort ‚Äěin letz¬≠ter Ins¬≠tanz‚Äú seine Begr√ľn¬≠dung fin¬≠det. Pers√∂n¬≠li¬≠ch¬≠keit ents¬≠teht in den zumin¬≠dest teil¬≠weise, vom Pro¬≠duk¬≠tions¬≠pro¬≠zess unabh√§n¬≠gi¬≠gen, und sich lang¬≠sa¬≠mer umbil¬≠den¬≠den Ins¬≠ti¬≠tu¬≠tio¬≠nen der Fami¬≠lie, der Schule, der Kirche und der Kulturanstalten. 

Gl√ľ¬≠ck¬≠li¬≠cher¬≠weise fin¬≠det man seit ein paar Jah¬≠ren auch wie¬≠der neue Ans√§tze das mehr¬≠di¬≠men¬≠sio¬≠nale Erbe der Kri¬≠ti¬≠schen Theo¬≠rie, ink¬≠lu¬≠sive des psy¬≠cho¬≠ana¬≠ly¬≠ti¬≠schen Ansatzes, zum Tra¬≠gen zu brin¬≠gen.
Unter¬≠su¬≠chun¬≠gen wie Wolf¬≠gang Bocks Dia¬≠lek¬≠tische Psy¬≠cho¬≠lo¬≠gie13, oder die von Oli¬≠ver Decker & Chris¬≠toph T√ľrcke heraus¬≠ge¬≠ge¬≠be¬≠nen Auf¬≠s√§tze zum Auto¬≠ri¬≠ta¬≠ris¬≠mus14, und vor allem auch der metho¬≠do¬≠lo¬≠gisch brei¬≠ter ange¬≠legte Ver¬≠such von Sieg¬≠fried Zepf und Diet¬≠mar Seel15, ver¬≠su¬≠chen die f√ľr tot erkl√§rte Zusam¬≠me¬≠nar¬≠beit von Psy¬≠cho¬≠ana¬≠lyse und Mar¬≠xis¬≠mus wie¬≠der¬≠zu¬≠be¬≠le¬≠ben und zu aktua¬≠li¬≠sie¬≠ren. Sie tra¬≠gen dazu bei Ador¬≠nos Dis¬≠kus¬≠sio¬≠nen neu auf¬≠zu¬≠neh¬≠men und zu erweitern.

Notes :

  1. Der Spie­gel, Nr.35 / 24.08.2019, S14.
  2. Ador¬≠no, T. W. (2019). Aspekte des neuen Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus ein Vor¬≠trag (V. Wei√ü, Hg.). Ber¬≠lin : Suhr¬≠kamp, S. 14
  3. Ador¬≠no, Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus, S. 30
  4. Ador¬≠no, Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus, S. 13
  5. Ador¬≠no, Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus, S. 43
  6. Ador¬≠no, Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus, S. 55
  7. Ador¬≠no, Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus, S. 53
  8. Vgl. Kop¬≠petsch, C. (2019). Die Gesell¬≠schaft des Zorns : Rechts¬≠po¬≠pu¬≠lis¬≠mus im glo¬≠ba¬≠len Zei¬≠tal¬≠ter. Trans¬≠cript Verlag.
  9. Ador¬≠no, Rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠lis¬≠mus, S. 37
  10. Ador¬≠no, T. W. (1991). Was hei√üt Aufar¬≠bei¬≠tung der Ver¬≠gan¬≠gen¬≠heit. In Edi¬≠tion Suhr¬≠kamp : Bd. 10. Ein¬≠griffe : Neun kri¬≠tische Modelle (1. Aufl., S. 127).
  11. Fromm, E. (1989). √úber Methode und Auf¬≠gabe einer Ana¬≠ly¬≠ti¬≠schen Sozial¬≠psy¬≠cho¬≠lo¬≠gie (1932). In Gesam¬≠taus¬≠gabe : Bd. I. Ana¬≠ly¬≠tische Sozial¬≠psy¬≠cho¬≠lo¬≠gie. M√ľn¬≠chen : Deut¬≠scher Taschen¬≠buch Ver¬≠lag, S.42.
  12. Hor¬≠khei¬≠mer, M. (2009). Auto¬≠rit√§t und Fami¬≠lie. In A. Schmidt (Hg.), Gesam¬≠melte Schrif¬≠ten : Bd. 3. Frank¬≠furt am Main : Fischer-Taschen¬≠buch-Verl., S. 343)
  13. Bock, W. (2018). Dia¬≠lek¬≠tische Psy¬≠cho¬≠lo¬≠gie : Ador¬≠nos Rezep¬≠tion der Psy¬≠cho¬≠ana¬≠lyse. Wies¬≠ba¬≠den : Sprin¬≠ger VS, Sprin¬≠ger Fach¬≠me¬≠dien Wiesbaden.
  14. Decker, O., & T√ľrcke, C. (Hrsg.). (2019). Auto¬≠ri¬≠ta¬≠ris¬≠mus : Kri¬≠tische Theo¬≠rie und psy¬≠cho¬≠ana¬≠ly¬≠tische Praxis. Gie√üen : Psy¬≠cho¬≠so¬≠zial-Ver¬≠lag. Siehe auch Decker, O., & Br√§h¬≠ler, E. (Hrsg.). (2018). Flucht ins Auto¬≠rit√§re : Recht¬≠sex¬≠treme Dyna¬≠mi¬≠ken in der Mitte der Gesell¬≠schaft : die Leip¬≠zi¬≠ger Auto¬≠ri¬≠ta¬≠ris¬≠mus-Stu¬≠die 2018. Gies¬≠sen : Psychosozial-Verlag.
  15. Zepf, S., & Seel, D. (2019). Psy¬≠cho¬≠ana¬≠lyse und poli¬≠tische √Ėko¬≠no¬≠mie : Kri¬≠tik der psy¬≠cho¬≠ana¬≠ly¬≠ti¬≠schen Praxis und Aus¬≠bil¬≠dung. Gie√üen : Psychosozial-Verlag.